Sahin Alpay, * 1944 Türkei, in Haft von Juli 2016 bis März 2018, vorübergehend frei

Şahin Alpay ist ein türkischer Politikwissenschaftler, Journalist, Kolumnist und Fernsehmoderator. Er promovierte im Fach Politikwissenschaft an der Universität Stockholm in Schweden.

Er war Gründungsmitglied der Partei Vatan Partisi (Vaterlandspartei), eine linksnationalistische und eurasistische Partei in der Türkei.  Im Jahre 1982 begann er als Kolumnist bei der Zeitung CUMHURIYET, von 1992 bis 1994 schrieb er für SABAH, von 1994 bis 2001 war er Kolumnist der Zeitung MILLIYET. 2001 wurde er als Professor für Politikwissenschaft an die Bahçeşehir-Universität in Istanbul berufen. Zudem schrieb er seit 2002 für die Zeitung ZAMAN und war Moderator bei CNN TÜRK.

Alpays freimütige Kommentare erzürnten Präsident Erdoğan. 2015 bewirkte dieser von der Bahçeşehir-Universität die Entlassung Alpays. Im Juli 2016 wurde Şahin Alpay in Istanbul –  in Folge der „Säuberungsaktionen“ nach dem gescheiterten Putschversuch –  festgenommen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte die Türkei wegen der Inhaftierung von Sahin Alpay und Mehmet Altan. Deren Recht auf Freiheit und Sicherheit sei verletzt worden. Sie schlossen sich damit der Einschätzung des türkischen Verfassungsgerichts an.  In beiden Fällen hatte das Oberste Gericht der Türkei deren Freilassung angeordnet. Nachdem die türkische Regierung jedoch harsche Kritik an dieser Entscheidung geübt hatte, weigerten sich untergeordnete Gerichte, das Urteil auch umzusetzen. Nach fast 600 Tagen Haft im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri entließ man ihn im März 2018 und stellte ihn unter Hausarrest.  Das Verfahren gegen den 74-jährigen, dem Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen wird, läuft weiter. Ankara muß ihm 21 000 Euro Entschädigung zahlen.

Neben Türkisch spricht Alpay Englisch und Schwedisch. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.  

(Quelle: Wikipedia, Frankfurter Rundschau)

„Mit seinen Kolumnen und Fernsehauftritten war der 72-Jährige eine der wichtigen liberalen Stimmen der Türkei. Sein Leben steht für den Kampf gegen Putsche in der Türkei.

Şahin Alpay war ein Linker, ein Maoist, als die Armee 1971 im Putsch auf die Straßen ging. Sie machte Jagd auf Linke. Alpay tauchte unter, als die Häscher ihn per Rundfunkdurchsagen suchen ließen. Er floh, zunächst nach Syrien und Libanon, wo er zusammen mit PLO-Kämpfern trainierte, später ging er ins wohltemperiert linke Schweden. Dort promovierte er und war Sozialdemokrat, er zurückkehrte. FormularbeginnFormularendeDas half ihm nicht, als die Armee am 12. September 1980 erneut aus den Kasernen drang. General Kenan Evren pries die Einheit der Nation. Im Radio erklang „Vorwärts, o Türke, immer vorwärts“, während Journalisten und Linke massenhaft in den Kerkern verschwanden.

Şahin Alpay wurde verhaftet und saß in Izmir ein. Er wurde Zeuge von Folter und Quälerei, sah die Instrumente, Elektrostäbe und Knüppel, mit denen Polizisten auf die Fersen eindroschen. Doch er hatte Glück. Verwandte setzten sich erfolgreich für Alpay ein, er kam nach zehn Tagen frei.

Als Kommentator blieb Alpay ein scharfer Gegner der säkular-kemalistischen Putschlogik und ein Kritiker des Militärs. Auch den Coup von 1998 verurteilte er.

Heute kehrt sich die Geschichte um. Şahin Alpay sitzt im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri, nachdem Armeeputschisten eine Niederlage erlitten haben.

Şahin Alpay hat keine Anklageschrift erhalten. So wie ihm geht es Zehntausenden Inhaftierten. Sie warten ohne jede Erklärung. Alpay bekam einen Hinweis. Im Gefängnis gab man ihm ein Schreiben, in dem man ihm vorwarf, er habe 2013 in der Zeitung Zaman die Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung und die Präsidentenfamilie kommentiert. Alpay hatte schon in vielen Zeitungen geschrieben, linken, liberalen. In den vergangenen Jahren wurden seine Kolumnen in der konservativen Zaman veröffentlicht, einer Zeitung, in der viele liberale Intellektuelle Zuflucht fanden, vor allem seitdem 2011 der Druck der Regierung auf viele Zeitungen wuchs. Zaman aber gehört Unternehmern, die Fethullah Gülen nahe stehen. Der Prediger wird vom türkischen Staat beschuldigt, den Putsch angezettelt zu haben.

Alpay hat Präsident Erdoğan in der Vergangenheit gegen Coup-Versuche verteidigt, bei der Putschdrohung des Militärs 2007 und bei dem Versuch der Justiz, die AKP-Regierung 2008 aus dem Amt zu kippen. Damals stand Erdoğan für Reformen, aber 2011 wurde er zunehmend autoritärer – wie einst die kemalistischen Militärs. Damit wuchs Alpays Kritik. Er nannte Erdoğan einen „Islamokemalisten“. Das trifft es bestens, und das ging bei Erdoğan unter die Haut. Der Präsident sorgte schon für Alpays Entlassung von der Universität. Jetzt sitzt Alpay in Silivri und fragt sich, ob die Mächtigen ihn vielleicht doch wieder freilassen wie damals 1980.

(Quelle: Zeit Online)

Künstlerin: Susanne Köhler