
Andrzej Poczobut, * 1973 Belarus, in Haft von 2021 bis 2026
Anndrejey Poczobut ist Journalist, Autor und politischer Aktivist, der aus der polnisch sprechenden Minderheit in Weißrussland stammt. Obwohl Poczobut belarusischer Staatsangehöriger ist, ist er in Polen sehr bekannt. Viele Jahre hatte er als Journalist für renommierte polnische Medien über die Lage in Belarus berichtet und sich dort als Aktivist der polnischen Minderheit engagiert. Für diese Tätigkeit wurde er vom belarussischen Regime verfolgt.
Poczobut arbeitete für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften in Belaurs, so zum Beispiel für DIEN, NARODNAJA WOLJA, GLOS ZNAD NIEMNA und das MAGAZYN POLSKI. Im August 2011 arbeitete er für die polnische Tageszeitung GAZETA WYBORCZA. Er war zu dieser Zeit einer der führenden Mitglieder in der „Union der Polen“ in Belarus.
Pozcobut lebte mit Ehefrau, Tochter und Sohn in Grodno.
Erstmals Ende 2010 und Anfang 2011 wurde Poczobut verhaftet. Ihm wurden unter anderem „Teilnahme an einer nicht genehmigten Protestveranstaltung“ vorgeworfen. In der ersten Gerichtsverhandlung erhielt er eine Geldstrafe, die zweite endete mit 15 Tagen Gefängnisstrafe. Poczobuts Einwände, er habe als Journalist den Veranstaltungen beigewohnt, halfen nicht. Seine Wohnung wurde durchsucht, Computer und andere Unterlagen wurden beschlagnahmt.
Gegen die Haft Poczobuts protestierte der Präsident des Europaparlaments, Jerzy Buzek. Daneben wandten sich andere Institutionen wie Amnesty International und das Komitee zum Schutz von Journalisten gegen die staatliche Willkür. Poczubuts Zulassung als Journalist wurde ihm entzogen. Einen Vorschlag der Behörden, doch von Warschau aus zu arbeiten, lehnte er ab.
Poczobut wurde am 25. März 2021 erneut verhaftet, nachdem sein Haus durchsucht und IT-Geräte beschlagnahmt wurden. Darunter befanden sich auch zwei Laptops und Festplatten, sieben alte Telefone sowie Abzeichen von Konferenzteilnehmern sowie polnischsprachige Dokumente. Konfisziert wurden auch polnisch-sprachige Papiere, Auszeichnungen u.a. seiner Tochter und Bücher auf polnisch.
Poczobut wurde in die Zentrale des Untersuchungsausschusses gebracht, wo er verhört und dann in ein Untersuchungslager in Minsk gebracht wurde.
Der 48-Jährigen wurde dann in einem Strafverfahren gemäß Teil 3 des Artikel 130 des Strafgesetzbuches zum Verdächtigen ernannt. Man wirft ihm „Anstiftung zum Hass“ vor.
Amnesty International stufte ihn als politischer Gefangenen ein. Der Hohe Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell verurteilte die Verhaftung. Der Journalist war 2025 vom EU-Parlament mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet worden.
Am 28.4.2026 konnte die Tagesschau berichten: „Andrzej Poczobut ist auf dem ersten Foto in Freiheit kaum zu erkennen, so stark abgemagert ist er. Mehr als fünf Jahre lang saß der heute 53-Jährige in Belarus in Haft. Am Tag seiner Freilassung begrüßte ihn der polnische Ministerpräsident Donald Tusk persönlich – direkt nach dem Grenzübergang, auf polnischer Seite. „Willkommen im polnischen Zuhause, mein Freund“, schrieb Tusk dazu auf X. (…) Für Andrzej Poczobut – und alle, die ihn unterstützt haben – ist dieser Austausch ein Grund zum Jubeln. Er sei erschöpft, aber guter Dinge. Es stehen erstmal ärztliche Untersuchungen und medizinische Versorgung an, die ihm während der langen Haft verwehrt wurden. Ansonsten sei er ungebrochen, sagte Poczobut. Und er möchte nach Belarus zurückkehren.“
„Mein Team hat mehr als ein Jahr lang daran gearbeitet, um Inhaftierte aus Belarus rauszubekommen. Bisher haben wir es bei 500 Menschen geschafft“, sagte der Trump-Sondergesandten für Belarus, John Coale. Doch im Fall von Poczobut und zwei weiteren Polen hatte es offenbar bislang nicht geklappt – bis zu diesem besonderen Tag, schreibt die Tagesschau.
Interview von Magdalena Karpińska (ARD-Studio Warschau) mit dem polnischen Journalisten Bartosz Wielinski (stellvertretender Chefredakteur der polnischen Tageszeitung GAZETA WYBORCZA) vom Oktober 2025:
„Seinen Kampfgeist kann man ihm nicht nehmen“
Der Sacharow-Preisträger Poczobut war bis zu seiner Verhaftung in Belarus Korrespondent für eine polnische Zeitung. Der stellvertretende Chefredakteur Wieliński erklärt, warum sein Kollege eher sterben würde, als Lukaschenko um Gnade zu bitten.
tagesschau.de: Herr Wieliński, wann haben Sie das letzte Mal mit Andrzej Poczobut gesprochen?
Wieliński: Das war 2021, kurz vor seiner Festnahme. Ich sagte ihm: „Andrzej, hör auf, dich dumm zu stellen, pack deine Sachen und flieh! Sie können jeden Moment kommen und dich holen.“ Er wollte bleiben. Lukaschenko habe größere Probleme als einen polnischen Journalisten, sagte er. Aber dann klopften die grauen Typen vom KGB wirklich an seine Tür und nahmen ihn fest. Andrzej hatte keine Angst. Einfach keine Angst. Aus unserer rationalen, bequemen Sichtweise einer Redaktion in Warschau, Berlin oder Paris würden wir sagen: So ein Idiot. Warum nicht fliehen, aus dem Ausland kämpfen? Wozu sterben? Wozu so ein Risiko eingehen? Aber das passt einfach nicht zu seinen moralischen Prinzipien. Aus seiner Sicht kann man für die Freiheit nur vor Ort kämpfen.
tagesschau.de: Wie viel Hoffnung haben Sie, dass Poczobut freikommt?
Wieliński: Ich habe immer noch Hoffnung. Ich denke, er wird frei kommen, weil der Druck enorm ist. Er steht ganz oben auf der Liste der politischen Gefangenen. Leider bin ich mir auch bewusst, dass in Russland Alexej Nawalny auch ganz oben auf der Liste stand, als Joe Biden und andere mit Wladimir Putin verhandelten. Um Nawalny nicht freilassen zu müssen, ließ Putin ihn einfach töten. Davor habe ich Angst – dass jemand in Belarus beschließt, dass Poczobut nicht freigelassen werden darf, weil das eine Demütigung für das Regime wäre. Und dass ihm dann „etwas zustößt“, er stürzt, bekommt einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Sie können mit einem Menschen alles machen, und wir werden es nie erfahren.
tagesschau.de: Wissen Sie, wie es ihm geht?
Wieliński: Sein Gesundheitszustand macht mir große Sorgen. Er muss einfach durchhalten, bis der Moment kommt, in dem seine Freilassung möglich ist – durch diplomatischen Druck, durch Gefangenenaustausch oder irgendein Abkommen. Dass Polen jemanden freilässt und sie uns dafür Andrzej geben. Oder dass wir ihnen etwas geben – keine Ahnung, zum Beispiel einen Grenzübergang öffnen (Anmerkung der Redaktion: Polen hat im September alle Grenzübergänge zu Belarus geschlossen). Es gibt mehrere Möglichkeiten. Die Amerikaner verhandeln gerade mit Lukaschenko über die Freilassung weiterer Gefangener, und Andrzej ist Teil der Gespräche. Wir werden sehen, wohin das führt. Zwei Austauschversuche haben keine Lösung gebracht. Vielleicht klappt es beim dritten Mal – aller guten Dinge sind drei.
tagesschau.de: Könnte der Sacharow-Preis da eine Rolle spielen?
Wieliński: Er erhöht seine Bekanntheit, zeigt seine Bedeutung. Niemand kann mehr sagen: „Das ist doch nur ein Journalist.“ Nein, er ist Sacharow-Preisträger, eine bedeutende Persönlichkeit. Ich glaube fest daran, dass Andrzej im Dezember nach Straßburg reisen wird, um den Preis persönlich entgegenzunehmen.
tagesschau.de: Die letzten bekannten Bilder von Andrzej Poczobut zeigen ihn 2023 abgemagert in einem Gerichtsprozess. Was fühlen Sie, wenn sie ihn so sehen?
Wieliński: Tiefe Traurigkeit. Fast Verzweiflung. Es ist kein Zufall, dass man uns gerade diese Bilder von ihm sehen ließ. Das war eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen. Aber für einen Moment ließ man einen regimetreuen Fotografen hinein. Man wollte der ganzen Welt zeigen – vor allem der belarussischen Opposition im Exil -, was in den Straflagern und Gefängnissen von Belarus passiert. Wie sie einen Menschen einfach zermahlen und zerstören können. Denn Andrzej ist auf diesen Fotos eindeutig ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist. Er sieht sehr schlecht aus. Aber in den Augen hat er dieses Feuer. Für mich war es unglaublich, zu sehen, dass man einem Menschen zwar die physische Kraft nehmen, seine Gesundheit rauben kann, aber seinen Kampfgeist, die innere Stärke, kann man ihm nicht nehmen. Lukaschenko ist nicht in der Lage, Andrzej zu brechen.
tagesschau.de: Haben Sie ihm jemals vorgeschlagen, den belarusischen Machthaber Lukaschenko um Gnade zu bitten?
Wieliński: Das wäre sinnlos. Andrzej würde sich ganz sicher nicht dazu bewegen lassen, überhaupt irgendeine Bitte an Lukaschenko zu richten. Er würde lieber sterben, als einen Kompromiss mit der Macht einzugehen. Das ist tragisch. Und es ist auch schön. Tragisch, weil wir wissen, wie so etwas endet. Das ist der Weg, den Nawalny gegangen ist, den auch Pastor Bonhoeffer im Dritten Reich gegangen ist. Auch er ging in den Tod, wissend, dass es so sein musste. Nawalny fuhr zurück nach Russland, um sein Leben für eine große Sache zu geben. Andrzej ist auf demselben Kurs. Von dem wollen wir ihn abbringen. Und das Regime dazu zwingen, ihn freizulassen. Wir sind verdammt stolz darauf, dass er unser Kollege ist.
tagesschau.de: Was wissen Sie über seine Haftbedingungen?
Wieliński: Nun, er saß sehr lange im Karzer, einer Isolierzelle. Ein kleiner Raum, völlig aus Beton. Eiskalt, schrecklich kalt. Und ein Bett, an die Wand geschraubt, das morgens um sechs hochgeklappt wird, sodass der Häftling den ganzen Tag stehen muss – den ganzen Tag, ohne sich hinsetzen zu dürfen. Ein schrecklicher Ort. Ob dort jemand mit ihm in der Zelle ist, weiß ich nicht. In Russland werden kriminelle Häftlinge eingesetzt, um politische Gefangene zusätzlich zu schikanieren. Ich vermute, dass es in Belarus genauso ist. Und, nun ja, wir wissen im Grunde nicht, was mit ihm passiert. Kontakt zu Anwälten hat er nicht, zur Familie auch nicht. Wir schicken manchmal Postkarten oder Briefe, aber ich glaube nicht, dass sie ihn erreichen.
tagesschau.de: Er ist Ihr Kollege – wie können Sie ihn unterstützen?
Wieliński: Nun, wir schreiben ununterbrochen über ihn, ja. Andrzej ist unser Mann. Wir lassen ihn nicht im Stich. Wir zählen täglich die Zeit, die seit der Verhaftung vergangen ist. Es sind inzwischen 1.700 Tage. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, nutzen alle Kontakte, die wir haben. Und wir warten, beten, denken nach. Nur noch ein bisschen durchhalten. Naja, das sage ich mir schon seit Jahren.
tagesschau.de: Wie sieht der Text aus, den Ihre Zeitung zum Sacharow-Preis veröffentlicht?
Wieliński: Nun, dort steht, dass Andrzejs Schicksal die Angelegenheit von ganz Europa ist, dass ganz Europa die Pflicht hat, für Andrzejs Freiheit zu kämpfen. Und, dass der Preis vielleicht der kleine Stein ist, der eine Lawine guter Ereignisse auslösen wird. Ja, daran glaube ich.
Quelle: Wikipedia, Tagesschau
Künstler: Gökhan Bozkus
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