Dai Qing, *1941 in China, 1989 in Haft, seit 2023 im Exil

Dai Qing ist eine Journalistin aus der VR China. Sie lebt seit 2023 im Exil.

Dai Qing, *1941 in China, 1989 in Haft, seit 2023 im Exil

Einst von einem Marschall Maos adoptiert, wurde die Journalistin, Schriftstellerin und Ingenieurin zu einer scharfen Kritikerin der kommunistischen Partei Chinas, wurde 1990 inhaftiert und lebt jetzt im Exil.

Dai Qings Vater, ein früher Revolutionär, starb 1945 im Krieg gegen die Japaner. Seine erst 4-jährige Tochter wurde daraufhin von einem der zehn Marschälle des Vorsitzenden Mao adoptiert. Als Adoptivtochter eines der mächtigsten Männer Chinas arbeitete sie als Ingenieurin in der Roten Armee, als Journalistin, war ein treues Parteimitglied und spionierte aufgrund ihrer Englischkenntnisse sogar ausländische Schriftsteller aus, die zu Besuch waren. Einer von ihnen war der amerikanische Autor Studs Terkel, der später ein Freund wurde. Später wurde Dai Qing aber zu einer der prominentesten Kritikerinnen der chinesischen KP.

1966 schloss Dai Qing ein Studium der Ingenieurwissenschaften an einer Militärakademie ab. Danach ging sie für einige Zeit zur Weiterbildung nach Japan. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie zunächst für das Militär, 1982 verließ sie die Armee und begann als Journalistin für die Parteizeitung GUANMING DAILY zu arbeiten.

In der folgenden Zeit begann Dai Qing als Dissidentin und Umweltaktivistin hervorzutreten und kritisierte dabei vor allem das Projekt des Drei-Schluchten-Staudamms. 1989 erschien ihr Buch „Yangtze! Yangtze!“, das ihr internationale Bekanntheit und Anerkennung einbrachte. Zugleich führte es zu einer verstärkten Konfrontation mit der chinesischen Regierung. 

Weil sie die Studenten während der pro-demokratischen Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 unterstützt hatte, wurde sie am 14. Juli 1989 verhaftet und zu einer 10-monatigen Haftstrafe in das berüchtigte Qincheng-Gefängnis in Peking gebracht. Nach ihrer Entlassung 1990 erklärte sie öffentlich ihren Austritt aus der kommunistischen Partei. Ihre Arbeit als Journalistin nahm sie nicht mehr auf, da sie seit 1989 mit einem Publikationsverbot belegt worden war. 

1992 wurde sie für ihre Arbeit mit dem „International PEN Award for Freedom“ ausgezeichnet und 1993 erhielt sie den „Goldman Environment Prize sowie den Condé Nast Traveler Environmental Award“. 

Im September 2009 führte der Auftritt von Dai Qing auf dem Symposium „China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit“ der Frankfurter Buchmesse zu einem Eklat. 

Als ihr und dem Exilchinesen Bei Ling die Gelegenheit zu einem Statement gegeben wurde, verließ die offizielle chinesische Delegation vorübergehend aus Protest den Saal. Bereits im Vorfeld hatte es Auseinandersetzungen um die Einladungen von chinesischen Regimekritikern gegeben: 

Auf Druck des Partnerlandes der Buchmesse 2009, VR China, wurde die geplante Einladung für Dai Qing zurückgezogen. Dies führte aber zu einer starken Kritik in der deutschen Öffentlichkeit. Deswegen revidierte die Messeleitung in Absprache mit der chinesischen Delegation ihre Haltung erneut und lud Dai Qing und Bei Ling doch zum Symposium. Allerdings hatte die Messeleitung die chinesische Delegation nicht darüber informiert, dass den beiden Regimekritikern die Gelegenheit zu einer kurzen Ansprache gegeben werden sollte. 

Anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo im Dezember 2010 kritisierte die Journalistin  die westliche Sinologie. Einige Sinologen redeten das Regime schön, indem sie anstelle von Diktatur von Autoritarismus sprächen.

„China hat Geld. Als deutscher Wissenschaftler … kann man es sich hier gut gehen lassen. Forschungsgelder und Ehrendoktortitel, die gibt es hier im Überfluss… Die Machthaber wollen anderen ihre Weltsicht aufdrücken. Mit jedem Schönredner, den es mehr gibt, kommen sie einen Schritt weiter.“

In 2014 sagte sie in einem Interview mit dem Internationalen Consortium für investigativen Journalismus: 

„In den letzten 25 Jahren hat sich das Umweltbewusstsein der chinesischen Bevölkerung dramatisch verändert, insbesondere unter den Gebildeten, die wissen, wie man ein VPN nutzt, um die Great Firewall zu umgehen. Auch für die Bewohner, deren Lebensbedingungen und sogar deren Leben durch die Verschlechterung der Umwelt bedroht sind, hat sich viel verändert. (…)

Immer mehr investigative Journalisten stellen Anfragen an Beamte, die für die Umweltzerstörung zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Allerdings haben die Beamten auch ihre Fähigkeit verbessert, diesen Fragen auszuweichen, indem sie sich beispielsweise bei höheren Beamten in Schutz nehmen.

Frage von dem Internationalen Consortium für investigativen Journalismus: „Das Buch (Yangtze! Yangtze!) wurde vielfach gelobt, aber was war Ihrer Meinung nach seine bedeutendste Auswirkung im Laufe der Jahre?“

Antwort von Dai Qing:

„Die bedeutendste Auswirkung im Laufe der Jahre ist, dass das Buch der Außenwelt zeigt, dass es in einem Land hinter dem Eisernen Vorhang wie China immer noch eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler und Journalisten gibt, die ihr Bestes versucht haben, um ihre Meinung zu den Entscheidungen der Zentralregierung zu äußern. Sie gewinnen zwar nie, aber sie kämpfen weiter. (…) Die 1980er Jahre waren eine Zeit, in der die Menschen eine relativ freie politische Atmosphäre genossen. Damals konnte ich Artikel, die meine eigenen Einschätzungen und Meinungen widerspiegelten, in meiner Zeitung und anderen Publikationen veröffentlichen. (…) Durch einen glücklichen Zufall, als der Wind der Reform und Öffnung über das unterdrückte und bedrückte China wehte, hatte ich, ein Ingenieur, das Gefühl, dass ich vielleicht die bewegenden Geschichten aus meiner Umgebung erzählen könnte: wie ein Regime die einfachen Menschen, die ihm alles opferten, grausam behandelte. Dies ist eine Kurzgeschichte. Nach diesem „Durchbruch“ wurde ich eingeladen, bei einer landesweiten Zeitung für Intellektuelle (GUANMING RIBAO) mitzuarbeiten. Im Rahmen meiner Reportageaufträge hatte ich die Gelegenheit, Beamte in Schlüsselpositionen, Wissenschaftler und Verleger kennenzulernen und mehr über die damals wie auch historisch verschleierten Personen und Ereignisse zu erfahren. Im relativ lockeren politischen Klima der 1980er Jahre gelang es mir, in dieser Zeitung und anderen Publikationen Artikel zu veröffentlichen, die von einer deutlichen persönlichen Einschätzung und eigenem Willen geprägt waren.“

Im Jahr 2023 konnte Dai Qing China verlassen, nachdem sie die Bedingungen der Polizei akzeptierte, keine Interviews zu geben oder sich an politischen Aktionen zu beteiligen.

Sie lebt gemeinsam mit weiteren chinesischen Schriftstellern und Intellektuellen im thailändischen Exil. 

Dort gab sie in 2024 RADIO FREE ASIA ein Interview:

„Als ich dann (nach der Ausreise) verschiedene Universitäten besuchte, wollten alle mit mir sprechen, aber es musste hinter verschlossenen Türen stattfinden. Die Teilnehmer durften weder Audioaufnahmen machen noch Fotos oder Videos mit ihren Handys aufnehmen. Niemand durfte darüber berichten. Als ich nach Hongkong und dann nach Peking zurückkehrte, war die Polizei sehr zufrieden. Aus ihrer Sicht hatte ich mich an die Abmachung gehalten.“

Quellen:

www.spiegel.de

de.wikipedia.org 

www.rfa.org 

chinaheritage.net 

https://www.icij.org

Text: Gerhard Keller, Juni 2026

Künstlerin: Susanne Köhler