
Yalda Moaiery, * Iran, in iranischer Haft 2022, 2026 zu 15 Jahren Haft verurteilt
Warum ist Fotojournalismus unter autoritären Regimes so wichtig? Ein Foto kann eine Grenze überschreiten, wenn ein Journalist dies nicht kann. Es kann einen Internet-Blackout überstehen. Es kann das Gesicht einer Person bewahren, die die Machthaber am liebsten auslöschen würden. Und es kann zu einem Beweis werden.
Yalda Moaiery ist eine im In- und Ausland bekannte Fotojournalistin und Mitglied der „Iranian Press Photographers Association“. Ihre Reportagen werden in internationalen Zeitschriften und Zeitungen wie TIME, NEWSWEEK, LE MONDE und EL PAIS veröffentlicht.
„Ihre Bilder sind nicht bloß Illustrationen, die Nachrichtenberichte begleiten. Zusammen bilden sie ein visuelles Archiv des heutigen Iran: Proteste, Unterdrückung, Widerstand der Frauen, Beerdigungen, Gewalt, Mut und Alltag. Die Behörden können Kameras beschlagnahmen. Sie können Telefonleitungen sperren.Sie können einer Fotografin die Arbeit verbieten. Sie können Haftstrafen verhängen. Aber die Fotos existieren bereits. Sie haben die Grenze überschritten. Sie wurden veröffentlicht. Sie sind zur Erinnerung geworden. Fünfzehn Jahre Haft wegen Fotografierens sind nicht nur ein Urteil gegen Yalda Moaiery. Es ist ein Urteil gegen das Zeugnisgeben.“ schreibt der Künstler Gianluca Costantini auf CHANNELDRAW.
Am 16.September 2022 starb die 22-jährige Mahsa Amini. Sie war von der iranischen „Sittenpolizei“ wegen eines Verstoßes gegen das Hijab-Gesetz inhaftiert worden und fiel dort ins Koma. Daraufhin gab es heftige und lang andauernde Proteste.
Das Hijab-Gesetz schreibt den iranischen Frauen vor, wie sie sich zu benehmen und zu kleiden haben. Beispielsweise schreibt es Frauen das Tragen eines Kopftuchs zur Bedeckung ihrer Haare vor.
Es gibt Augenzeugen, die berichteten, dass die junge Frau mit einem Schlagstock geschlagen und mit dem Kopf gegen eines der Polizeifahrzeuge geworfen wurde. Die Polizei bestreitet das jedoch. Gerade in den Monaten davor wurde von der Presse über die strenge Durchsetzung des Hijab-Gesetzes berichtet.
Es gab und gibt immer wieder Videos, die die Gewalt der „Sittenpolizei“ gegen Frauen dokumentieren, wie z.B. das Ohrfeigen von Frauen, das Schlagen mit Schlagstöcken und brutales Werfen der Frauen in die Polizeiautos.
Diese brutale Vorgehensweise gegen Frauen wurde auch durch einen Post von Yalda Moaieri – aus dem Polizeiwagen heraus – auf INSTAGRAM bestätigt.
Am 19. September 2022 hatte sie in der Teheraner Innenstadt über Protestdemonstrationen berichtet, die schon drei Tage angedauert hatten.
Die Journalistin wurde von den Sicherheitskräften bei ihrer Festnahme geschlagen und in einen Polizeiwagen mit Dutzenden von weiblichen Demonstrantinnen geworfen. Danach wurden sie an einen ihr zu diesem Zeitpunkt unbekannten Ort gebracht: das Qarchak-Gefängnis.
Am 20. Dezember 2022 wurde sei gegen Kaution freigelassen.
Anschließend wurde sie wegen „Verbreitung von Propaganda gegen das System“ und „Handlungen gegen die nationale Sicherheit“ zu sechs Jahren Haft verurteilt. Ihr Fall wurde auch in einer Resolution des US-Senats aus dem Jahr 2023 zur Verfolgung von Frauen im Iran erwähnt.
Zu ihrer Strafe gehörte auch eine bewusst demütigende Maßnahme: Sie wurde dazu verurteilt, zwei Monate lang Straßenreinigungsarbeiten zu verrichten. Moaiery erklärte öffentlich, sie habe kein Problem mit der Würde dieser Arbeit. Was sie jedoch ablehnte, war, daran gehindert zu werden, den Beruf auszuüben, den sie seit mehr als zwei Jahrzehnten ausübte: die Realität ihres eigenen Landes zu fotografieren.
Sie lebte dann mit ihren Eltern in South San Francisco.
2024 erschien in der WASHINGTON POST eine Sammlung ihrer Bilder von einigen der Frauen, die sie während ihres letzten Gefängnisaufenthalts getroffen hat. Die Fotos wurden dort aufgenommen, wo sie verhaftet wurden, zusammen mit ihren Namen, ihrem Alter und dem Grund ihrer Verhaftung.
„Sie (die Frauen im Gefängnis) waren sehr froh, dass ich das machen wollte“, sagt Moaiery. „Sie haben mir geholfen. Sie drängten mich, es zu tun. Ich habe im Gefängnis ein Buch geschrieben, und an den Tagen, an denen ich nicht geschrieben habe, sagten sie mir: ‚Warum hast du damit aufgehört? Schreib unsere Geschichten und zeige sie den Menschen.‘
„Wenn man allein ist, kann das Regime mehr Druck auf einen ausüben, damit man alles tut, was es will. Deshalb wollten sie mit anderen Teilen der Welt in Kontakt treten, damit sie wissen, was dort vor sich geht. Die Frauen, die ich fotografiert habe, die meisten von ihnen sind junge Frauen, und sie sind sehr mutig. Ich konnte es gar nicht glauben. … Und als ich mit ihnen sprach, sagten sie: ‚Wir haben nichts zu verlieren. Wir wollen kämpfen.‘ Es ist wichtig, diese Geschichten für sie zu erzählen.“
Und Moaiery ließ sich nicht aufhalten: Während der gewaltsamen Niederschlagung von Demonstrationen im Iran im Januar 2026 fotografierte sie weiter. Sie dokumentierte die Großdemonstration in Teheran am 8. Januar und fotografierte später die Beerdigung von Mohammad Mozafari, einem 39-jährigen Mann, der bei der Niederschlagung getötet worden war. Weil das Internet abgeschaltet worden war, hatte sie tagelang Mühe, die Bilder aus dem Iran nach außen zu übertragen. Schließlich gelang es ihr mithilfe eines VPN, etwa vierzig Fotos zu versenden.
„Le Monde“ veröffentlichte Moaierys Bericht und eine Auswahl dieser seltenen Bilder aus Teheran.
Diese Bilder wurden zu einigen der wenigen professionellen visuellen Zeugnisse dessen, was auf den Straßen geschehen war, während das Land weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten war.
In den folgenden Monaten verstärkte sich der Druck auf Moaiery. Im Juni 2026 berichtete sie, dass ihre Mobilfunkverbindung seit Monaten gesperrt sei und dass der Geheimdienstzweig der Revolutionsgarden ein Verfahren gegen sie vorbereitet habe. „Defenders of Free Flow of Information“ dokumentierte die Einschränkungen und das Verfahren gegen sie. Dann folgte das neue Urteil.
Am 8. August 2026 wurde Moaiery vom Islamischen Revolutionsgerichtshof zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie war beschuldigt worden, Interviews an Medien gegeben zu haben, die vom iranischen Regime als unfreundlich angesehen wurden. Auch habe sie Bilder an Organisationen geliefert, die angeblich mit den USA und Israel verbunden sind.
Die Vorwürfe stützen sich auf Gesetze, die nach dem Konflikt zwischen dem Iran und Israel im Jahr 2025 eingeführt wurden und betreffen eine angebliche Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten.
Das 15-jährige Strafmaß wurde in Abwesenheit von der 29. Kammer des Revolutionsgerichts in Teheran verhängt. Die Strafe geht weit über eine Freiheitsstrafe hinaus: Das Gericht ordnete zudem die Beschlagnahme von Moaierys Kamera und anderer elektronischer Geräte an und verhängte ein dauerhaftes Verbot politischer und medialer Aktivitäten sowie weitere Einschränkungen ihres beruflichen und wirtschaftlichen Lebens.
Moaiery befindet sich bei Urteilsverkündung noch auf freiem Fuß in Teheran und wartet auf den Ausgang ihres Berufungsverfahrens. In einem Interview mit THE TIMES macht sie deutlich, dass ihr nicht einfach die Aussicht auf fünfzehn Jahre Haft am schwersten auf dem Herzen liegt. Es sei die Aussicht auf Jahre, in denen sie möglicherweise nicht mehr fotografieren darf. Die Fotografie ist für Moaiery nicht nur ein Beruf: Sie ist der Weg, den sie gewählt hat, um die Zeitgeschichte ihres Landes zu dokumentieren.
Das Urteil versucht daher, ihr nicht nur ihre Freiheit zu nehmen, sondern auch ihre Kamera, ihre Arbeit und ihre Fähigkeit, Zeugnis abzulegen.
Der Zustand der Menschenrechte im Iran wird international kritisiert. Die iranischen Medien werden zum größten Teil vom islamischen Regime kontrolliert. Es gibt immer wieder willkürliche Verhaftungen und schwere Bestrafungen von Journalist:innen.
Der Artikel 9 des Menschenrechtsgesetzes schützt das Recht auf Gedanken- Glaubens- und Religionsfreiheit. Artikel 14 besagt, dass alle Rechte und Freiheiten ohne Diskriminierung geschützt und angewandt werden müssen. Diese Menschenrechtsgesetze wurden von fast allen muslimischen Ländern, auch vom Iran, unterzeichnet.
(Stand der Recherche: August 2026)
Quelle: CPJ Committee to Protect Journalists, iranwire.com, womeninjournalism.org (CFWIJ), www.marinij.com, Wikipedia, channeldraw
Künstlerin: Karin Herr
Text: Karin Herr, Gerhard Keller, Susanne Köhler
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