Asli Erdoğan *1967 Türkei, 2016 inhaftiert, vorübergehend frei

Asli Erdoğan ist eine türkische Physikerin, Journalistin und eine in der Türkei bekannte Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit in der Türkei. Als Kolumnistin schrieb sie für die Zeitung RADIKAL, ab 2011 für die kurdisch-türkische Zeitung ÖZGÜR GÜNDEM.

Von Dezember 2011 bis Mai 2012 weilte Aslı Erdoğan als „writer in residence“ des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG in Zürich. Von August 2012 bis zum Sommer 2013 war sie „Asylschreiberin“ der Stadt Graz. Nach der Rückkehr in die Heimat setzte sie ihre Arbeit für ÖZGÜR GÜNDEM fort.

Sie fühlte sich jedoch erneut bedroht und war 2015 deshalb auf Einladung des ICORN, eines Städtenetzwerks zum Schutz von Schriftstellern, als Gastschreiberin in Krakau.

Im August 2016 wurde Aslı Erdoğan im Rahmen der so genannten „Säuberungen“ nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei vom Juli 2016 mit 22 anderen Journalisten der Zeitung verhaftet.

Einen Monat später verlieh der schwedische P.E.N. der inhaftierten Schriftstellerin den Tucholsky-Preis für Autoren, die im eigenen Land verfolgt oder bedroht werden. Im September 2016 wurde dem Schweizer Fernsehen (SRF) ein Brief von Aslı Erdoğan zugespielt, in dem sie über die Verhaftung in Istanbul berichtet.

Im November 2016 forderte die Staatsanwaltschaft in Istanbul u.a. wegen Mitgliedschaft und Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK lebenslange Haft für Aslı Erdoğan.

Im Dezember 2016 wurde der Prozess gegen die Schriftstellerin und acht weitere Angeklagte eröffnet. Zur Überraschung aller ordnete der Richter am ersten Prozesstag an, die schwerkranke Aslı Erdoğan aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Allerdings wurde gegen sie gleichzeitig eine Ausreisesperre verhängt.

Am 29. Dezember 2016 wurde der Prozess gegen Erdoğan und acht weitere Angeklagte vor einem Istanbuler Gericht eröffnet. Zur Überraschung aller ordnete der Richter am ersten Prozesstag an, die schwerkranke Aslı Erdoğan, die 70-jährige Linguistin und Übersetzerin Nicmiye Alpay und den stellvertretenden Chefredakteur von Özgür Gündem, Zana Kaya, aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Allerdings wurde gegen sie gleichzeitig eine Ausreisesperre verhängt. Die Ausreisesperre für Erdoğan wurde im September 2017 aufgehoben.

Aslı Erdoğan nahm zu den Vorwürfen des Staatsanwalts selbst Stellung. In ihrer Verteidigungsrede erläuterte sie sämtliche Artikel, die von der Staatsanwaltschaft als Beweisstücke vorgelegt worden waren und widerlegte die Vorwürfe. Özgür Gündem sei gegründet worden, um dem unterdrückten kurdischen Volk eine Informationsplattform zu geben. In nicht einer ihrer Kolumnen habe sie der Gewalt das Wort geredet. „Ich bin nur eine Schriftstellerin“, erklärte sie. Und: „Man sollte sich schämen, dass eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss“.

Überraschend erhielt sie später eine  Ausreisegenehmigung aus der Türkei.

In dem weiter laufenden strafrechtlichen Verfahren gegen Erdogan hat die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Haftstrafe beantragt wegen der Unterstützung einer illegalen Organisation und Volksverhetzung.

„Man muss den Glauben immer in sich lebendig halten, dass man die Welt verändern kann, wenigstens die Welt in uns selbst. Denn warum sollen wir sonst leben, warum sollen wir dann schreiben?“

Erdoğan, Statement auf der Lit.Cologne 2017, per Zuschaltung aus der Türkei.
Künstlerin: Susanne Köhler