
Hakan Tosun, *1975 in der Türkei, ermordet 2025 in der Türkei
Hakan Tosun war ein türkischer Umweltjournalist. Er begann seine berufliche Laufbahn 1993 als technischer Berater in privaten Radiosendern.
Ab 2009 wandte er sich der Produktion von Dokumentarfilmen zu und wurde mit Filmen bekannt, die sich mit gesellschaftlichen Kämpfen befassten.
Seit Jahren berichtete er über Umweltvergehen, Plünderung und Zerstörung der Natur, Gentrifizierung und Enteignungen. Er stand auf der Seite von Dorfbewohner:innen, deren Heimat zugunsten von Kohle, Gold- und Erzabbau geopfert wurde. Er hat die Menschen interviewt, ihnen eine Stimme gegeben, ihr Anliegen in verschiedenen Zeitungen und auf sozialen Medien verbreitet. Er hat als Zeuge ausgesagt, um Menschen zu unterstützen, die angeklagt wurden, weil sie ihre Heimat gegen Polizei und Gendarmerie verteidigt hatten.
Er selbst wurde wegen seiner Teilnahme an Protesten angeklagt. Aufgrund von Protesten gegen die Bebauung eines städtischen Waldgebietes, Validebağ, im Stadtteil Üsküdar in Istanbul wurde der Journalist verhaftet. Über den Widerstand in Validebağ drehte Hakan Tosun den Dokumentarfilm „Hayat var“ (dt. „Es gibt Leben“).
Auch in den folgenden Jahren blieb er bei konfliktreichen gesellschaftlichen Themen vor Ort und dokumentierte die Perspektiven der Betroffenen. In einer Goldmine in Iliç im Südosten der Türkei kam es im Februar 2024 zu einem schweren Unfall. Neun Minenarbeiter kamen dabei ums Leben. Außerdem löste der Sturz von 10 Millionen Kubikmetern zyanidverseuchter Erde in ein Flussbett eine Umweltkatastrophe aus. Im August 2024 ging Hakan Tosun nach Iliç und sprach mit Arbeitern, den Familienangehörigen der Toten und den Bewohner:innen. Er hat den Betroffenen mit seiner Dokumentation „Tüm Ayrıntılarıyla İliç Altın Madeni gerçekleri“ („Die Fakten zur Goldmine in Iliç – mit allen Details“) eine Stimme gegeben.
In den Monaten vor seinem Tod hatte Hakan Tosun über die Enteignung von Bäuer:innen in der ägäischen Provinz Muğla berichtet. Sie hatten protestiert, weil sie ihr Land nicht für den Kohleabbau zugunsten von Energiefirmen, die der Regierung nahestehen, hergeben wollten.
Im Erdbebengebiet Hatay Samandağ filmte er, wie Mandarinen- und Olivenbäume abgerissen, ganze Gärten zerstört wurden, weil die Landbesitzer:innen wegen eines staatlichen Wohnbauprojektes enteignet worden waren. Das Projekt wurde als überdimensioniert und als Geschäftsmodell für regierungsnahe Baufirmen kritisiert. Hakan Tosuns Schwester Özlem Tosun erinnerte sich daran, wie er das letzte Mal aus Hatay zurückgekommen war.
„Als ich ihn umarmte, musste ich plötzlich husten und Hakan lachte. Er sagte: Weißt du, warum du hustest? Das ist das Tränengas, mit dem wir angegriffen wurden. Ich habe geduscht, frische Sachen angezogen, aber ich dünste immer noch dieses Gift aus. Kannst du dir vorstellen, was diese Menschen täglich ertragen müssen?“
In der Nacht zum 11. Oktober 2025 wurde Hakan Tosun in dem Istanbuler Stadtteil Esenyurt auf dem Heimweg brutal zusammengeschlagen, so dass er das Bewusstsein verlor. Er wurde auf der Straße liegend zurückgelassen, gefunden und ins Krankenhaus gebracht, aber nicht sofort identifiziert.
Tosuns Familie hatte eine Vermisstenanzeige aufgegeben, da ihn seit dem 10. Oktober niemand mehr gesehen hatte. Mehr als einen Tag später erfuhren sie von seinem Verbleib. Tosun starb am 13. Oktober an einer Gehirnblutung. Aufnahmen eines Überwachungsvideos zeigen, wie zwei Angreifer, einer davon auf einem Motorrad, Tosun attackieren. Die Bilder zeigen, wie der Journalist nach einem Sturz mit Tritten traktiert wird, bevor die Täter fliehen.
Die Veröffentlichung der Aufnahmen sorgte für große öffentliche Empörung. Die Täter konnten rasch identifiziert werden. Nach Angaben der Istanbuler Polizei wurden zwei Männer im Alter von 18 und 24 Jahren festgenommen und am 12. Oktober in Untersuchungshaft genommen.
Tosuns Anwalt Hakan Bozyurt erklärte jedoch, dass wichtige Beweismittel und Videoaufnahmen in der Ermittlungsakte fehlten: „Es gibt drei Beteiligte, aber nur zwei Verdächtige. Zeugenaussagen und die Aufnahmen aus der Umgebung sind entscheidend“, sagte Bozyurt.
Tosuns Tod löste in der Medienwelt, bei Umweltverbänden und in der Bevölkerung große Trauer aus. Politiker und Presseorganisationen betonten, dass der Angriff nicht nur einem einzelnen Journalisten gegolten habe, sondern der Pressefreiheit und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information.
Während das genaue Tatmotiv noch unklar ist, vermuten einige Journalist:innen und Aktivist:innen, dass Tosuns Berichte über Umwelt- und Stadtproteste die Ursache seiner Ermordung sind.
HALK TV, ein privater Sender, der der türkischen Regierung kritisch gegenübersteht, sprach mit einem mutmaßlichen Zeugen des Angriffs, einem Ladenbesitzer. Dieser gab an, dass Verwandte eines der Verdächtigen die Sicherheitsaufzeichnungen des Ladens vom Tag der Schlägerei beschlagnahmt hätten.
Der Abgeordnete Murat Bakan von der größten Oppositionspartei CHP wandte sich mit einer parlamentarischen Anfrage zu Tosuns Tod an Innenminister Ali Yerlikaya und fragte, wer die festgenommenen Verdächtigen seien. Hatte Tosun zuvor Sicherheitsbedenken gegenüber den Behörden geäußert? Wird der Vorfall als einfacher Angriff oder als ein Angriff mit Hintermännern untersucht ? Warum wurde der Journalist erst 27 Stunden nach seiner Einlieferung im Krankenhaus identifiziert?
In der Anfrage wurde auf schwere Versäumnisse hingewiesen: Tosuns sei namenlos registriert und ohne Fingerabdruck- oder Gesichtserkennung aufgenommen worden.
Hunderte Menschen waren zu Hakan Tosuns Beerdigung gekommen. Seine Familie, Freund:innen und Weggefährt:innen sowie Umwelt- und Menschenrechtsaktivist:innen haben verschiedene Plattformen gegründet und es sich zur Aufgabe gemacht, dass der gewaltvolle Tod von Hakan Tosun aufgeklärt wird. Die Plattformen und Communities führen auch in seinem Namen ihre Arbeit in der ganzen Türkei zur Verteidigung der Natur gegen Plünderung und Ausbeutung und gegen Gentrifizierung und Enteignung weiter. Sie möchten zeigen, dass sie viele sind, dass sie nicht aufhören werden, nach den wahren Gründen für den Tod von Hakan Tosun zu suchen.
Der Journalist Umut Taştan erhielt für seine Videoreportage „Warum wurde Hakan Tosun getötet“ vom 14. Oktober den Preis für TV-Nachrichtenrecherche der Türkischen Journalist:innen-Vereinigung TGC (Türkiye Gazeteciler Cemiyeti).
Nach den monatelangen Protesten in mehreren Städten und den Forderungen in den türkischen Medien nach Aufklärung und Verfolgung von wichtigen Spuren hat die Staatsanwaltschaft von Bakırköy Istanbul offiziell Anklage erhoben wegen vorsätzlicher Tötung. Der Prozess beginnt am 6. Mai.2026
Quellen: fremdeninfo.de, internationaljournalists.org, www.n-tv.de, www.afp.com, disorient.de
Text: Gerhard Keller, Januar 2026
Künstlerin: Lucia Makelis
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