
Sisay Fida, * Äthiopien, ermordet 2021
Es blieb unklar, warum der Journalist getötet wurde und wer der Drahtzieher dieses Verbrechens war. Wurde er von einem Killerkommando der bewaffneten Gruppe „Oromia Liberation Army“ ermordet? Oder wurde er von den Behörden der äthiopischen Bundesregierung getötet, weil er die öffentliche Meinung zu heiklen Themen untersuchte?
Sisay Fida war Reporter und Koordinator des OROMIA BROADCASTING NETWORK, einem Sender im Besitz der Regionalregierung von Oromia.
Die Stadt Dembi Dollo in der Region Oromia: Am Abend des 9. Mai 2021 kam der Journalist von einer Hochzeit nach Hause. Plötzlich gaben zwei Unbekannte tödliche Schüsse auf ihn ab.
Zwei Verdächtige wurden von der Polizei identifiziert, doch danach gab es keine Berichte über gründliche Ermittlungen. Angeblich handelte es sich um zwei „Shene-Kämpfer“. So bezeichnet die Regierung Kämpfer der „Oromo-Befreiungsarmee“ (OLA), um ihren Namen nicht aussprechen zu müssen.
Zwei Kollegen von Sisay, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben wollten, sagten gegenüber CPJ, der Journalist hätte aufgrund der Berichterstattung von OBN über Westäthiopien anonyme Morddrohungen auf seinem Handy erhalten. Sie glaubten, dass Sisay wegen seiner Arbeit für den Sender ins Visier genommen worden sei.
Ahmed Yassin ist stellvertretender Direktor für Frieden und Sicherheit in der West-Wellega-Zone, zu deren Zuständigkeitsbereich Dembi Dollo gehört. Er erklärte gegenüber VOICE OF AMERICA, er gehe davon aus, dass Sisay von den „Aba Torbe“ getötet worden sei – einer Killerkommando-Gruppe, die laut offiziellen Angaben mit der bewaffneten Gruppe „Oromo Liberation Army“ in Verbindung steht. Er glaube, Sisay sei getötet worden, weil er für die Regierung gearbeitet habe und in seiner Gemeinde hoch angesehen gewesen sei
Bilisuma Gutta, ein Sprecher der Westzone der „Oromo Liberation Army“ bestritt jegliche Beteiligung ihrer Gruppe an dem Mord. Er wies jegliche Verbindung zu den „Aba Torbe“ zurück. Er beschuldigte hingegen die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed, Sisay getötet zu haben; er lieferte jedoch keine Erklärung dafür, warum sie dies getan haben sollen.
Hintergrund: Die „Oromo Liberation Army“(OLA) spaltete sich 2019 von der Oppositionspartei „Oromo Liberation Front“ ab und wird beschuldigt, im Rahmen eines Aufstands in der Region Zivilisten und Regierungsbeamte getötet zu haben. Die Gruppe wies solche Vorwürfe zurück und warf der äthiopischen Regierung Menschenrechtsverletzungen vor.
Am 5. Mai, wenige Tage vor der Ermordung von Sisay, erklärte das äthiopische Bundesparlament die „Oromo Liberation Army“(OLA) sowie die „Tigray People’s Liberation Front „ (einer Gruppe, die im Norden Äthiopiens gegen die Bundesregierung kämpft) zu terroristischen Organisatione.
Journalisten-Kollegen erklärten, daß Sisay kürzlich an einem Bericht über die öffentliche Meinung zu dieser Einstufung als terroristische Organisation gearbeitet habe. Dem CPJ war es nicht möglich, diese Arbeit einzusehen.
Das OROMIA BROADCASTING NETWORK reagierte nicht auf die E-Mails und Nachrichten, die CPJ zur Stellungnahme an seine Facebook-Seiten gesendet hatte; die Anrufe von CPJ bei dem Sender kamen nicht durch oder blieben unbeantwortet. Billene Seyoum, eine Sprecherin des äthiopischen Premierministers, verwies CPJ für eine Stellungnahme an lokale Beamte in Oromia.
Als das CPJ am 13. und 19. Mai den Sprecher der Regionalregierung von Oromia, Getachew Balcha, anrief, erklärte dieser, er sei zu beschäftigt, um zu sprechen; er beantwortete weder weitere Anrufe noch gesendete Nachfragen. Das CPJ rief zudem das „Oromia Communications Bureau“, die Pressestelle der Regionalregierung, an, schickte E-Mails und Facebook-Nachrichten, erhielt jedoch keine Antworten. CPJ rief den Polizeichef von Oromia, Ararsa Merdassa, um eine Stellungnahme zu bitten an, doch die Anrufe wurden nicht verbunden, und er antwortete auch nicht auf Nachfragen.
Sisay ist der zweite Journalist, der 2021 in Äthiopien getötet wurde, nachdem im Januar Dawit Kebede Araya in Mekelle, der Hauptstadt von Tigray, erschossen worden war.
Quelle: CPJ, Voice of America
Text: Susanne Köhler
Portrait: Susanne Köhler
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