
Amal Khalil, * 1984 Libanon, 2026 durch israelischen Luftangriff gezielt getötet
„Amal Khalil lag nach israelischen Angriffen stundenlang im Sterben. Rettungskräfte wurden durch das Feuer der israelischen Armee daran gehindert, sie zu erreichen. Das sind Kriegsverbrechen“, sagte Christopher Resch, Pressereferent von Reporter ohne Grenzen (RSF) für Nahost.
Amal Khalil gehörte seit 2006 zur Redaktion der libanesischen Zeitung AL-AKHBAR.
AL-AKHBAR ist nicht mit der Hisbollah verbunden, unterstützt aber in ihrer redaktionellen Linie die Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung im Südlibanon und insbesondere die Hisbollah.
Die 42-Jährige wurde in Südlibanon geboren. Dort lebte sie auch. In einem kleinen Innenhof hatte sie Zitronen-, Orangen-, Apfel- und Avocadobäume gepflanzt. Katzen, die sie gerettet hatte, wohnten ebenfalls im Haus.
„Wäre Amal keine Journalistin, dann würde sie ihr Leben der Rettung von Tieren widmen.“
Das sagte ein Nachbar dem unabhängigen Medium THE PUBLIC SOURCE über sie. Ihre Berichterstattung zielte darauf ab, die Widerstandskraft der Bewohner:innen in den libanesischen Grenzdörfern hervorzuheben.
„Ich widerlege das Narrativ des Feindes, wonach lediglich militärische Ziele angegriffen würden, indem ich Beweise dafür vorlege, dass sie Wohnhäuser und Bauernhöfe bombardieren und Kinder töten“, sagte sie.
Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über das Leid der Menschen und die Zerstörung ihrer Häuser in Südlibanon zu berichten – und israelische Verbrechen zu dokumentieren. Ihr letzter Bericht beschreibt, wie israelisches Militär mit Bulldozern in Südlibanon Häuser zerstört und abreißt– trotz Waffenruhe.
Das israelische Militär und der israelische Militärdienst drohten ihr mehrere Male. Am 25. August 2024 hatte eigenen Angaben zufolge direkte Drohungen vom israelischen Geheimdienst Mossad auf ihrem Handy bekommen.
„Es handelte sich um unverhohlene Morddrohungen. Sie sagten wörtlich: „Wir werden deinen Kopf von deinem Körper trennen, wenn du den Süden nicht verlässt.“
Es folgten Nachrichten auf ihr privates Handy.
„Viele davon enthielten persönliche Details, mit der Absicht, mir das Gefühl zu vermitteln: Wir kennen dich ganz genau.“
Schließlich riefen sie bei ihrem Arbeitgeber an und drohten, das Verlagshaus anzugreifen, sollte sich die Journalistin nicht aus dem Süden zurückziehen.
„Sie wollen mich daran hindern, mich frei auf meinem eigenen Land zu bewegen.“
Die Todesdrohungen hielten sie nicht ab.
„Wenn ich früher mein Auto startete und mich – manchmal ganz allein – zwischen diesen Dörfern bewegte, war ich mir des Risikos bewusst, dass ich selbst getötet werden könnte. Andere Leute rieten mir zwar immer wieder, ich solle mich zurückziehen – doch ich bin diesen Menschen absolut ebenbürtig. Ich bin keineswegs jemand Besseres als andere Menschen.“
Amal Khalil wurde am 22. April 2026 nach israelischen Luftangriffen auf das Gebäude, in dem sie im Südlibanon Zuflucht gesucht hatte, tot aufgefunden. Ihre Kollegin Zeinab Faraj wurde bei den Angriffen schwer verletzt.
RSF hatte zuvor dringend an die Regierung von Benjamin Netanjahu appelliert, Rettungskräften den Zugang zu der verletzten Journalistin zu ermöglichen. Dennoch verhinderte die israelische Armee, dass rechtzeitig Hilfe geleistet werden konnte.
Die gezielte Tötung einer Zivilistin, die als Journalistin tätig ist, stellt ein Kriegsverbrechen dar.
RSF: „Wir sprechen Khalils Familie unser Beileid aus und wünschen ihrer schwer verletzten Kollegin Zeinab Faraj eine schnelle Genesung. Die Verantwortung liegt auch bei den Partnern der Netanjahu-Regierung wie der USA, Deutschland und der internationalen Gemeinschaft: Sie lassen zu, dass Verbrechen wie diese ungestraft bleiben.“ äußerte sich RSF.
Die Journalistin Amal Khalil hatte von der Kleinstadt al-Tayri aus über den Krieg mit Israel berichtet. Sie fuhr zusammen mit ihrer Kollegin Zeinab Faraj in einem Auto, als das zivile Fahrzeug vor ihr von einem ersten israelischen Angriff getroffen wurde.
Fast zwei Stunden später wurden die beiden Journalistinnen selbst Ziel eines Angriffs auf ein nahegelegenes dreistöckiges Gebäude. Dort hatten sie Schutz gesucht. Den libanesischen Rettungskräften gelang es, Faraj zu retten. Erneute Schüsse der israelischen Armee hinderten die Rettungskräfte jedoch daran, Khalil zu erreichen. So bestätigen es Zeug:innen vor Ort.
Bereits um 17:20 Uhr Pariser Zeit hatten RSF und andere Organisationen die israelischen Behörden und die Öffentlichkeit auf die Lage der beiden im Gebäude eingeschlossenen Journalistinnen aufmerksam gemacht. Zehn Minuten später antwortete ein Sprecher der israelischen Armee, er werde sich das „ansehen“. Sechs Stunden später wurde die Leiche der Journalistin von der libanesischen Armee und dem Roten Kreuz gefunden.
RSF hat den zeitlichen Ablauf der Tat rekonstruiert:
· gegen 14:30 Uhr: Ein erster israelischer Angriff trifft ein Auto in der Nähe des Fahrzeugs von Amal Khalil und Zeinab Faraj. Die beiden Journalistinnen schaffen es, aus ihrem Auto zu steigen.
· 14:52 Uhr: Amal Khalil wird von der AL-DSCHASIRA-Korrespondentin im Südlibanon, Carmen Joukhadar, kontaktiert. Das Telefonat dauert neun Sekunden und liegt RSF vor. „Ich hörte deutlich, dass sie rannte und keuchte, während sie mit mir sprach, aber sie sagte mir, es gehe ihr gut“, berichtet Carmen Joukhadar gegenüber RSF.
· zwischen 15 und 16 Uhr: Die Rettungskräfte warten auf die Genehmigung der diplomatischen Kommission – bekannt als „Mechanismus“ -, um Zugang zum Ort des Geschehens zu erhalten. Die 2024 gegründete Kommission fungiert unter anderem als Garant und Vermittler für den Waffenstillstand zwischen dem Libanon und Israel und umfasst auch die Interimstruppen der Vereinten Nationen im Libanon (UNIFIL).
· Gegen 16:00 Uhr: Eine zweite Bombe trifft das Auto der Journalistinnen. Khalil hatte sich in der Nähe versteckt, informierte Kolleg:innen in einem Anruf über den Angriff und suchte dann zusammen mit Faraj Zuflucht in einem nahegelegenen dreistöckigen Haus.
· 16:22 Uhr: Letzter Kontakt mit der Journalistin Amal Khalil. Laut ihrer Schwester, die zu diesem Zeitpunkt mit ihr telefonierte, war Khalil unverletzt. Nach diesem Anruf schaltete sich das Telefon der Journalistin aus.
· 16:27 Uhr: Eine dritte israelische Bombe trifft das Haus. Nach RSF-Informationen wurde der Angriff von einem Militärflugzeug durchgeführt, nicht von einer Drohne. Der Rauch ist auf einem Foto zu sehen, das Carmen Joukhadar aus dem Nachbardorf Chiam aufgenommen hatte.
· gegen 16:40 Uhr: Die libanesische Armee und die Rettungskräfte, die sich in der Nähe befinden, können die beiden Journalistinnen aufgrund der anhaltenden Angriffe nicht erreichen.
· gegen 18:00 Uhr: Dem Roten Kreuz gelingt es, Zeinab Faraj zu retten. Sie erlitt mehrere Knochenbrüche. Laut dem libanesischen Sender LBCI zwang eine von den israelischen Streitkräften abgefeuerte Blendgranate den Krankenwagen zum Rückzug, ohne dass Amal Khalil gerettet werden konnte. Faraj wurde in das örtliche Krankenhaus des Nachbardorfes Tibnin gebracht.
· Gegen 19:20 Uhr: Die libanesische Armee beschließt, das Rote Kreuz zu begleiten, da keine Genehmigung durch den „Mechanismus“ vorlag und die Situation drängte.
· Gegen 20:20 Uhr: Das Rote Kreuz trifft erneut am Ort des Geschehens ein, begleitet von der libanesischen Armee. Bulldozer beginnen mit den Rettungsarbeiten.
· 23:10 Uhr: Die Armee und das Rote Kreuz geben öffentlich bekannt, dass sie die Leiche von Amal Khalil im Erdgeschoss des Gebäudes gefunden haben. Der genaue Zeitpunkt ihres Todes muss noch ermittelt werden.
Unterdessen bestätigt ein offizieller israelischer Account auf X um 20 Uhr, dass Journalisten gezielt angegriffen wurden, und bezeichnet sie als „Eindringlinge“: „Nachdem festgestellt wurde, dass sie gegen das Waffenstillstandsabkommen verstießen, griff die Luftwaffe eines der Fahrzeuge an und nahm anschließend ein Gebäude ins Visier, in dem sich die Eindringlinge verschanzt hatten.“
RSF betont, dass Zivilist:innen wie Journalist:innen nicht gegen ein Waffenstillstandsabkommen verstoßen. Demnach waren die Journalistinnen als solche identifiziert worden. Ihre Identität war RSF-Informationen zufolge spätestens gegen 14:30 Uhr an den Mechanismus der diplomatischen Kommission übermittelt worden, also vor dem Angriff auf das Gebäude. Die libanesische Regierung prangert die Angriffe als Kriegsverbrechen an.
Im Jahr 2024 hatte RSF zu ihrem Schutz aufgerufen, nachdem sie aufgrund ihrer Berichterstattung über den andauernden Krieg eine Morddrohung von einer israelischen Telefonnummer erhalten hatte. Von wem genau, wurde bis heute nicht ermittelt. „Ich hatte Amal Khalil im September 2024 nach den Morddrohungen kontaktiert“, berichtet die RSF-Korrespondentin Elissar Kobeissi. „Sie bestand darauf, dass sie den Süden nicht verlassen würde. Trotz aller Drohungen wollte sie weiterarbeiten.“
Khalils Tod löste im Libanon und international scharfe Reaktionen aus; die libanesische Regierung bezeichnete den Vorfall als Kriegsverbrechen.
In Teilen des Landes wurden mehrere Mahnwachen abgehalten. In der Hauptstadt Beirut versammelten sich etwa 150 Medienschaffende und gedachten der Toten, berichtete die Zeitung L’ORIENT.
(Stand der Recherche Mai 2026)
Quellen: wikipedia.org, taz.de, reporter-ohne-grenzen.de, morgenpost.de
Text: Gerhard Keller
Künstlerin: Maria von Stülpnagel
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