RJ Nichole Ledesma, *1995 auf den Philippinen, getötet 2026

RJ nichole ledesma war ein Journalist von den Philippinen. Er wurde 2026 getötet.

RJ Nichole Ledesma, *1995 auf den Philippinen, getötet 2026

In seinem letzten Artikel im März 2026 schrieb RJ Nichole Ledesma über den Widerstand lokaler Fischer in seiner Heimatstadt Bacolod auf der philippinischen Insel Negros. Ihr Protest richtet sich gegen große Bauprojekte an der Küste, die ihre Lebensgrundlage bedrohen. Auch die Mangrovenwälder sind gefährdet, die die Küste bisher vor Überschwemmungen schützen.

Am 19. April 2026 war der 31-jährige Journalist beruflich unterwegs und berichtete über die Auswirkungen des Ausbaus von Solar- und Windenergieprojekten auf benachteiligte Bauerngemeinden

in der Provinz Negros Occidental. Er befand sich mehrere Kilometer entfernt von einem Militäreinsatz, den die philippinische Armee gegen eine kommunistische bewaffnete Gruppe durchführte.

Der 31-Jährige starb unter ungeklärten Umständen.

Das Militär behauptet, dass alle 19 Personen, die bei der Operation getötet wurden, einer bewaffneten Gruppe angehört hätten. Ledesma habe sich „an Gefechten beteiligt“. Kolleg:innen und das unabhängige Mediennetzwerk ALTERMYDIA widersprachen dieser Darstellung vehement. Ledesma habe sich mehrere Kilometer entfernt aufgehalten. Human Rights Advocates Negros (HRAN) teilte mit, dass RJ sich nicht am ursprünglichen Ort des Zusammenstoßes in Sitio Sinugmawan befunden habe. Er sei stattdessen während einer anschließenden Verfolgungsaktion des Militärs in einer anderen Bauerngemeinde angegriffen worden.

In einer Stellungnahme der bewaffneten Gruppe wird er auch nicht als Mitglied erwähnt.

Medienvertreter:innen vermuten, dass Beweise nachträglich platziert wurden. Fotos vom Tatort werfen Fragen auf, etwa wegen ungewöhnlich sauberer Ausrüstungsgegenstände. 

Der Journalist, Poet und Aktivist RJ Nichole Ledesma war zunächst Chefredakteur von „Spectrum“, der Studentenzeitung der University of St. La Salle–Bacolod, an der er einen Abschluss in Psychologie erwarb. 

Seit 2020 leitete er die unabhängige alternative Nachrichtenplattform und Medienorganisation PAGHIMUTAD-NEGROS. Das Medium berichtet vor allem über Umweltfragen und Menschenrechtsverletzungen. 

PAGHIMUTAD ist eine Das Wort stammt aus dem Visaya/Hiligaynon und bedeutet in etwa „genau hinsehen“, „etwas intensiv prüfen“ oder „tief graben“.  Die Plattform besteht aus Journalist:innen und Aktivist:innen und ist Mitglied des philippinischen ALTERMYDIA Netzwerks. Sie konzentriert sich auf Graswurzeljournalismus und beleuchtet soziale Themen, die in den großen nationalen Medien oft untergehen.

Ledesmas jüngste Arbeit dokumentierte die Kämpfe von Gemeinschaften, die aufgrund groß angelegter Projekte im Bereich erneuerbarer Energien – darunter der Ausbau von Solarparks, die Errichtung von Windkraftanlagen und Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft – von Vertreibung bedroht waren. Er berichtete außerdem über Landgewinnungsprojekte in Bacolod (siehe unten) und den Ausbau einer Palmölplantage in Candoni.

Ein weiteres historisches Thema seiner Berichterstattung waren die Lebensbedingungen von „Sakadas“, der Zuckerrohrarbeiter. Die „Sakadas“ waren philippinische Wander-und Vertragsarbeiter:innen. Über 100 000 philippinische Männer – vorwiegend aus der Ilocos-Region – waren zwischen 1906 und 1946 von der „Hawaiian Sugar Planters‘ Association“ auf die Zuckerrohr- und Ananasplantagen nach Hawaii geholt worden. Diese ausgewanderten Arbeiter leisteten körperlich extrem anstrengende Arbeit. Sie wurden oft als reine Produktionsmittel betrachtet und schlechter bezahlt als andere ethnische Gruppen. Trotz der harten Bedingungen organisierten und schlossen sich viele Sakadas Gewerkschaften an, um für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu streiten.

Das Medium PAGHIMUTAD-NEGROS war seit langem Ziel von „Red-Tagging“ und Verleumdungen. Im Oktober 2022 bezeichnete die Facebook-Seite der 303. Brigade der philippinischen Armee einen der Menschenrechtsberichte von PAGHIMUTAD-NEGROS als „Propaganda“ und brachte ihn mit der kommunistischen „Nationalen Demokratischen Front“ der Philippinen in Verbindung. Der Beitrag verbreitete sich auf Plattformen von Polizei und Militär, darunter auch bei der Regionalen Task Force zur Beendigung des lokalen kommunistischen bewaffneten Konflikts in den West-Visayas.

RJs Medienplattform hatte zudem über koordinierte Angriffe auf die Sendung des Bauernradios „Kaling Kag Tugda“ berichtet und auch über Fälle, in denen Journalisten auf der Insel Negros von mutmaßlichen staatlichen Geheimdienstmitarbeitern profiliert oder verfolgt wurden. Die Organisation betonte, dass diese Maßnahmen offensichtlich darauf abzielten, die sich verschärfenden Menschenrechtsverletzungen in ihren Gemeinden vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Ledesmas Online-Portal PAGHIMUTAD-NEGROS ist also seit Jahren das Ziel staatlicher Diffamierungskampagnen. In den Philippinen ist es leider seit Jahren Praxis, dass Journalist:innen als „subversiv“ oder „terroristisch“ gebrandmarkt werden.

„Schon allein, dass es zum Tod von RJ Nichole Ledesma derart widersprüchliche Darstellungen gibt, ist äußerst besorgniserregend“, sagt Sören Kittel, Pressereferent für Asien & Pazifik bei Reporter ohne Grenzen (RSF). Auf den Philippinen gibt es eine lange Geschichte von Einschüchterung und Kriminalisierung von Journalist:innen. „Gerade deshalb muss jetzt lückenlos aufgeklärt werden, ob er im Zusammenhang mit seiner journalistischen Arbeit getötet wurde. Die Behörden, gerade das Militär, müssen uneingeschränkt mit der Untersuchung kooperieren.“

Vier Tage nach dem Tod Ledesmas kündigte die philippinische Menschenrechtskommission eine Untersuchung des Falls an. RSF fordert die Behörden auf, diese unabhängig und transparent zu unterstützen. 

Immer wieder wird dem Militär vorgeworfen, Beweise zu manipulieren, um Journalist:innen zu kriminalisieren. So sitzt die Journalistin Frenchie Mae Cumpio seit 2020 in Haft, nachdem Sicherheitskräfte bei einer Razzia mutmaßlich platzierte Waffen gefunden haben.

Bacolod City vertreibt Fischerfamilien und bedoht Mangrovenwälder (Küstenschutz)

Bacolod City ist Schauplatz riesiger Projekte. Als Teil der Maßnahmen zur Landgewinnung und Küstenentwicklung soll eine 41 km lange Küstenstraße entstehen, die den Banago-Hafen mit Victorias City verbindet.

Während die Pläne als wirtschaftlicher und infrastruktureller Motor dienen sollen, stehen sie wegen der Vertreibung von Fischerfamilien und zu erwartender Umweltschäden in der massiven Kritik.

„BREDCO-Reclamation Area“ ist bereits etabliert. Die Bacolod Real Estate Development Corp. (BREDCO) betreibt hier bereits seit den 1970er und 80er Jahren ein ca. 300 Hektar großes Hafengebiet, das Wirtschafts-, Gewerbe- und Unterhaltungszonen umfasst. 

„Barangay Banago“ ist mit 247-Hektar Größe ein umstrittenes Küstenentwicklungsprojekt für Wohnraum und Gewerbe, das von Privatunternehmen vor Ort vorangetrieben wird.

„Barangay Pahanocoy“: Im Süden der Stadt gab es Initiativen zur Erschließung von über 700 Hektar Küstenlinie, deren Baumaßnahmen ebenfalls erhebliche Proteste auslösten.

Der Widerstand der Fischer:innen ist massiv. Die Pambansang Lakas ng Kilusang Mamamalakaya ng Pilipinas (PAMALAKAYA) und lokale Interessengruppen warnen, dass durch die neuen Dämme Tausende von Familien ihre Lebensgrundlage in der Muschel- und Fischzucht verlieren. Von den bereits vertriebenen Familien hat die Hälfte noch keine Entschädigung erhalten. Auch die ökologische Schäden sind erheblich. Umweltschützer:innen und Anwohner:innen kritisieren die Zerstörung von Mangrovenwäldern, die als natürliche Wellenbrecher dienen, sowie die Zunahme von Bodenerosion und die Risiken für Überschwemmungen. Zum Glück sind behördliche Untersuchungen im Gange. So wurde die Bautätigkeiten in Banago von der Stadtverwaltung aufgrund fehlender Genehmigungen oder fehlerhafter Prüfungen zur Umweltverträglichkeit schon zeitweise gestoppt.

(Stand der Recherche: Juni 2026)

Quelle: Reporter ohne Grenzen, Wikipedia, altermydia.net, Philippine News Agency, Sun Star Publishing Inc.

Text und Portrait: Susanne Köhler